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Literatur in der JVA Tegel

19 November '07 - 626 W - + 67 - 199

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Literatur in der JVA Tegel

Am 7. und am 10.September war es wieder eimal soweit: Die Lesungsreihen im Rahmen des

diesjährigen "internationalen literaturfestivals berlin" führten Vertreter der schreibenden Zunft 

auch wieder in die JVA Tegel. Und endlich gab es somit einen Anlass, auch mal etwas nicht so Negatives zu berichten.

Mit Katja Lange-Müller war es diesmal eine Autorin, die gleich in mehrfacher Hinsicht geradezu prädestiniert dazu ist, hier aus ihrem neuen und von der Kritik bereits hochgepriesenen Roman "Böse Schafe" zu lesen. Zum einen ist sie eine Berlinerin, die die jüngere Geschichte dieser Stadt aus beidseitiger Perspektive und den Wandel hautnah miterlebte: als 1951 gebürtige Ostberlinerin lernte sie in ihrer Jugend schon die "real-existierende" sozialistische Seite der Stadt kennen; erlebte den Fall der Mauer dann aber von der anderen, der "Westseite" her, - 1984 war sie bereits aus der ehemaligen "DDR" ausgereist.

Dann ist ihr erzählerischer Blickwinkel der einer Frau, die auch selber ansichtig der Tiefen menschlichen Daseins in einer modernen Metropole geworden war und ist - ihr erzählerisches Ausloten solcher Sphären wirkt bisweilen schon extrem authentisch und vieles davon dürfte neben allem schnoddrig, aber doch irgendwie herzlich berlinerisch wirkendem Erzählstiles vielen Insassen Tegels auch schmerzlich bekannt vorkommen. Ihr Buch als einen "Milieuroman" zu bezeichnen, wäre sicherlich nicht ganz falsch.

Dazu kommt noch, dass die Autorin nicht nur fiktive Gestalten entworfen hat, sondern aus dem Leben eines Real-"Helden" berichtet, der selber "Tegel-Erfahrung" erworben hatte und zwar ganz schlimme. Das geschilderte Erleben ihrer "Heldin" Soja, eine von einer Art Helferkomplex und auch nicht zuletzt von der Einsamkeit als einer jungen Frau in einer für sie neuen, fremden Welt Bewegten, ja fast Getriebenen, ist nach Angabe der Autorin in ihrer Vorrede zur Lesung eine Mischung aus selber Erlebtem,Gehörtem und eben auch "nur" Fiktivem.

Trotz dieses sich durchaus Erklärens schon im Vorfeld ihrer Leseproben blieb es Katja Lange-Müller nicht erspart, mehrfach von interessierten Gefangenen die immer in die gleiche Richtung zielenden Fragen beantworten zu müssen, ob und inwieweit sie selber jene Soja des Romans ist.

Ich möchte hiermit auch mal sagen (selber in der hiesigen Literaturgruppe Texte schreibend), dass es einer Autorin zuzubilligen sein sollte, dass sie selber entscheidet, wie sehr sie sich zu erklären hat oder dass es eben Dinge gibt, wo die Grenzen der Befragbarkeit erreicht sind - zumal dann, wenn man sich bereits hinreichend erklärt hat. Man sagt ja, es gäbe keine dummen Fragen - hier hat man erlebt, dass es aber auf alle Fälle wohl solche Fragesteller gibt!

An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank für den ehrlichen und - bei aller Traurigkeit des Themas auch erfrischenden Leseabend durch Katja Lange-Müller.

Benjamin Kunkel war dann am Montag, d. 10.September der zweite lesende Vertreter der schreibenden Zunft. Er ist als New Yorker neuer Star am Schriftsteller-Himmel apostrophiert und der in Englisch vorgetragene und dann von Martin Jankowski ins Deutsche übersetzte Textauszug aus seinem neuen Roman liess trotz seiner relativen Beliebigkeit - wie es uns hier erschien - erahnen, dass auch er mit den Mitteln eines sarkastischen Humors Erscheinungen unseres modernen westlichen Lebensstils hintergründig zu kritisieren sucht - auch am Beispiel eines ganz persönlich wirkenden "Erfahrungsberichtes". Freilich auf amerikanische Verhältnisse sich beziehend und damit dem Erfahrungsalltag des Durchschnitts-Tegelianers weit mehr enthoben, als es die Textproben v. K.Lange-Müller waren.

Martin Jankowski ist selber Schriftsteller und Interessenten solcher Lesungen hier in der JVA Tegel als Organisator solcher kultureller Veranstaltungen wohlbekannt. Auch ihm an dieser Stelle neben den Autoren unser Dank.

Angenehm aufgefallen ist in letzter Zeit die Disziplin der Zuhörer hier - auch das sollte nicht unerwähnt bleiben. 

I.    OKT. 2007

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